HEROES - gegen Unterdrückung in Namen der Ehre - Ein Projekt für Gleichberechtigung von Strohhalm e.V.
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Konzeptvorstellung

Unsere Broschüre als PDF zum Download.


HEROES ® ist ein Projekt der geschlechterreflektierten und diversitätsorientierten Jungenarbeit. Das Selbstverständnis innerhalb der eigenen Arbeit ist intersektional und hierbei explizit antisexistisch und antirassistisch. Eine Grundlage bildet der Empowerment-Ansatz. (u.a. Adams, 2008)


Die Zielgruppe sind junge Männer mit familiärer Migrationsgeschichte unabhängig von Religionszugehörigkeit bzw. Herkunft. Gemeinsam ist ihnen, dass sie im Alltag mit Ehrkultur konfrontiert sind und sich mit den damit verbundenen Rollenerwartungen auseinandersetzen wollen. Die Teilnahme erfolgt freiwillig und auf Eigeninitiative.

Das Projekt bietet einen geschützten Raum in Form wöchentlicher Treffen, um eine eigene Haltung zu entwickeln und Themen wie Ehre, Geschlechterrollen, Identität, Menschenrechte, Sexualitäten und arrangierte Ehen im Gruppenkontext zu diskutieren. In diesen Aushandlungsprozessen werden sie durch ein multidisziplinäres Team pädagogisch begleitet. Ein zentrales Merkmal des Projekts ist, das die Gruppenleitungen ebenfalls eine familiäre Migrationsgeschichte besitzen und sich im Laufe ihrer Sozialisation mit denselben
Themen auseinandergesetzt haben.

Dies ermöglicht einerseits eine Identifikationsmöglichkeit, Gruppenleitungen übernehmen eine Vorbildfunktion die Orientierung bieten kann, gleichzeitig wird ein Schutzraum eröffnet, in dem Werte und (Macht-)Strukturen reflektiert werden, Ambiguitätstoleranz entwickelt und das Aushalten anderer Meinungen eingeübt wird. Andererseits verhindert die Positioniertheit der Gruppenleitungen eine Leugnung der eigenen Herkunft und die Reproduktion von Rassismen - Erfahrungen, mit denen die Teilnehmenden im täglichen Leben konfrontiert sind und welche das Gefühl von gesellschaftlicher Zugehörigkeit und Teilhabe verhindern.


Zusätzlich zur eigentlichen Jungenarbeit existieren Cross-Working-Ansätze mit einer weiblichen Gruppenleitung. Eine komplementäre weibliche Perspektive wird durch die jungenMänner sehr positiv angenommen, z.B. um eigene Vorstellungen und Annahmen in Bezug auf Geschlechterrollen abzugleichen und auf Resonanz hin zu überprüfen.


Neben Trainings und gemeinsamen Aktivitäten wird Beziehungsarbeit durch Einzelgespräche geleistet. Einen besonderen Höhepunkt bildet die jährliche Gruppenreise, bei der Heroes verschiedener Jahrgänge gemeinsam Zeit miteinander verbringen, sich themenspezifisch weiterbilden und voneinander lernen.


Nach der einjährigen Ausbildungsphase werden die jungen Männer innerhalb einer offiziellen Zertifizierungsfeier förmlich als Heroes anerkannt und dürfen nun Workshops an Schulen leiten. Dabei arbeiten sie in 2er-Teams und werden durch eine Gruppenleitung begleitet. Methodisch kommen hierbei Rollenspiele zum Einsatz, die von den Jugendlichen im Rahmen der Trainings selbst entwickelt wurden. Diese bilden Szenarien ab, in denen die problematischen Auswirkungen von Ehrvorstellungen sichtbar werden. Hierzu zählen u.a. theaterpädagogisch aufbereitete Situationen aus dem Familienleben, dem Freundeskreis oder Liebesbeziehungen.


Durch den Peer-to-Peer Ansatz besitzen die Heroes ein hohes Maß an Vertrauen und Glaubwürdigkeit unter den Schüler:innen. Dies führt zu einer Kompetenz- und Selbstwirksamkeitserfahrung auf Seiten der Heroes, welche sie dabei unterstützt, weiter an der eigenen Haltung zu arbeiten.


Innerhalb der bestehenden Schulkooperationen werden parallel zu den Workshops in den Klassen, Begleitgespräche und Weiterbildungen mit den Lehrkräften durchgeführt sowie regelmäßig evaluiert und Elternarbeit angeboten.

Eine Herausforderung, vor der viele Heranwachsende mit familiärer Migrationsgeschichte stehen, ist das Spannungsfeld zwischen den kollektivistischen Rollenerwartungen der eigenen Community, die oft von Angst vor Kulturverlust geprägt sind, sowie den individualistischen Normen der Mehrheitsbevölkerung.


Im Zentrum Ersterer steht die Aufrechterhaltung der Familienehre mittels eines patrilinearen Systems, welche sowohl die Anerkennung durch die Community als auch die Zugehörigkeit zur eigenen Familie sicherstellt. Bei drastischen Regelverstößen droht daher ein doppelter Verlust.


Alle Geschlechter leiden unter patriarchalen Strukturen. Innerhalb dieser ist den Jungen die Rolle als Sittenwächter über ehrvolles Verhalten der Frauen der Familie so lange vorgesehen, bis diese verheiratet sind. Die Erwartungshaltung an die Männlichkeit der Jungen wirkt häufig überfordernd, führt zu Verunsicherung und kann Gewaltausübung und/oder psychische Erkrankungen zur Folge haben. Werden sie der erwarteten Rolle nicht gerecht, so droht eine Sanktionierung durch Verwehrung von Respekt welche mit einem Gesichtsverlust einhergeht. (Scholz, 2015)


Diese widersprüchlichen Konformitätserwartungen in die eigene Identitätsentwicklung zu integrieren ist oftmals sehr herausfordernd für das Individuum, da es als soziales Wesen stets den Anschluss und die Selbstvergewisserung durch das Kollektiv sucht. (Eck, 2011)


HEROES® bietet einen Rückzugsraum für diese konflikthaften Prozesse, in Form einer alternativen Peergroup. Dadurch entsteht einer der wenigen geschützte Orte, an dem junge Männer tradierte Männlichkeitsbilder hinterfragen, ihre emotionale Ausdrucksfähigkeit erweitern und gemeinsam ressourcen- und lösungsorientierte, gewaltfreie Handlungsmöglichkeiten für Konfliktsituationen erarbeiten können. (Schneebauer, 2020)


Dies erhöht die Sensibilität für die Auswirkungen der verschiedenen Ausprägungen von patriarchaler Gewalt und Dominanzverhalten insbesondere gegenüber Frauen aber auch untereinander und nicht zuletzt gegenüber sich selbst. Der daraus resultierende Erkenntnisprozess fördert das Selbstbewusstsein, die Rollenflexibilität und das gleichberechtigte Miteinander der Geschlechter und verhindert das Entstehen sogenannter „toxisch männlicher“ Verhaltensweisen. (Bola, 2020) Die alternative Peergroup ist deshalb so entscheidend, da wenn diese innerhalb der Mehrheitsbevölkerung nicht vorgefunden wird, ein Rückzug auf die eigene kulturelle Gruppe erfolgen kann und damit häufig eine Überbetonung tradierter Werte einhergeht. (Scholz, 2015)


HEROES® arbeitet präventiv, bezieht sich im eigenen Handeln auf die Menschenrechtskonventionen 1 und vertritt ein solidarisches und feministisches Menschenbild. Hierin genießt jede Person unabhängig von Geschlecht, sexueller
Orientierung und soziokulturellem Hintergrund dieselben Rechte und Möglichkeiten auf persönliche Entfaltung. Die spezifische Zielgruppenansprache bildet ein Alleinstellungsmerkmal und ergänzt somit wirkungsvoll bereits bestehende Projekte der Mädchenarbeit.


Die hohe Nachfrage nach Workshops und Fortbildungen die das HEROES® Projekt erreicht zeugt von der gesellschaftlichen Relevanz der Thematik. Mittlerweile arbeitet das Projekt an elf zertifizierten Standorten in Deutschland und Österreich. Gleichzeitig befindet sich bereits die 11. Generation an Heroes in Ausbildung. Dies belegt eindrücklich, dass das Projekt im Laufe der Zeit zu einer Bewegung geworden ist, innerhalb derer eine Vielzahl von beteiligten Menschen gemeinsam an der Vision einer 1 U.a. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, UN-Frauen- und Kinderrechtskonvention, UN-Sozial und - Zivilpakt, ICERD, DEDAW, Europäische Menschenrechtskonvention  gleichberechtigten Gesellschaft arbeiten. Sowohl gegen Rassismus als auch gegen Unterdrückung im Namen der Ehre.


Literatur
Adams, R (2008). Empowerment, participation and social work. New York (NY): Plagrave Macmillan.
Bola, J. (2020). Sei kein Mann: Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist. München: Carl Hanser.
Eck, C. (2011). Second Life und Identität: Potentiale virtueller Existen. Baden-Baden: Nomos.
Schneebauer, R. (2020). Internationaler Männertag: Neue Räume für Männer – dringend gesucht. Interview mit
Männerforscher Dr. Richard Schneebauer. Verfügbar unter (20.12.2020): www.deutschlandfunkkultur.de
Scholz, N. (2015). Gewalt im Namen der Ehre (2. Aufl.) Wien: Passagen.

 

Aktuell sind 148 Gäste und keine Mitglieder online

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